Der seit langem beste deutsche Americana-Künstler, Markus Rill aus Würzburg, hat wieder viel zu erzählen. Eigentlich ist es gar nicht so lange her, dass sein letztes Album 'Wild Blue & True' hier bei Blue Rose Records erschienen ist. Aber wenn man sich den Werdegang des international renommierten Singer/Songwriters anschaut und seine frühen Veröffentlichungen mit denen aus jüngeren Jahren vergleicht, dann bemerkt man schnell den unaufhaltsamen Reifeprozess und wie locker ihm inzwischen das Texten und Komponieren aus der Feder fließt. Aber auch, welches qualitativ hochwertige Umfeld von befreundeten Musikern ihm zur Verfügung steht, das es ihm anscheinend ermöglicht, jederzeit ins Studio zu gehen und Material aufzunehmen, das den gerne als Vorbild idealisierten amerikanischen Produktionen in Nichts nachsteht! Markus Rills neues Album 'My Rocket Ship' ist solch ein Fall geworden. Und weil sich seine Band und eine Handvoll Studiomusiker so sehr einbrachten, dass man dieses höchst engagierte, ganz spezielle Teamfeeling förmlich spüren kann, war es am Ende nur logisch, zum ersten Mal seit über 10 Jahren den Namen Rill nicht mehr alleine auf das Cover zu schreiben, sondern seine famose Band gleich mit dazu. Damals waren es die Gunslingers, heute heißt es Markus Rill & The Troublemakers!

Markus Rill ist einer dieser begnadeten Musiker, die sich ständig in Nuancen weiterentwickeln können, ohne ihre Grundstärken oder musikalischen Überzeugungen dabei über Bord werfen zu müssen. So kommt das Wort Stillstand in seinem Vokabular nicht vor, auch wenn es sich bei 'My Rocket Ship' formal in erster Linie genauso um den Singer/Songwriter mit größtmöglicher Americana-Nähe handelt wie schon bei seiner ersten Privatveröffentlichung 'Gunslinger's Tales' in 1997. Aber die Mittel haben sich wahrlich geändert! Rill hat in all den Jahren danach enorm an seiner Sprache gefeilt und eine ganz eigene Poetry entwickelt. Ständig ist er um die Verfeinerung der Texte bemüht, auch seine Themenvielfalt hat er beträchtlich erweitert. Viele Inhalte handeln von persönlichen Erfahrungen, Beziehungen und Reflektionen über das (sein) Leben, von Stories, die mit Familie und Freunden zu tun haben, aber auch von übergeordnetem Rang sind, die Grundprinzipien menschlichen Zusammenwirkens ansprechen. So tastet er sich z.B. auf seinem neuen Album erstmalig an solch schwierige Themen wie Religion ('God Believes') und die Tatsache des Älterwerdens ('For The Stars') heran.

Aber Rill ist ja nicht nur Texter sondern Musiker, Performer, im Grunde seines Herzens Rock'n Roller. Bei einem Abgleich früher/heute fällt auf, wie vielschichtig seine Musik geworden ist - auf 'My Rocket Ship' so abwechslungsreich wie nie zuvor: Neben dem typischen Songwriter/Troubadour Folk hören wir u.a. Texas Country, Southern Rock, Muscle Shoals Soul, Guitar Pop, Roots Rock, Einflüsse von Bluegrass bis Alt.Folk Noir. Auch seine Fähigkeiten auf diversen Instrumenten hat er mächtig ausgebaut. Vom eher straighten Acoustic Guitar-Strumming plus Harmonica ist nicht mehr viel übrig geblieben, heute spielt Rill im Team mit den Troublemakers öfter elektrische Gitarre, Dobro und Banjo (neu!), setzt auch gesanglich mit seiner bekannten Raspelstimme neue Maßstäbe von sensibler Düsterstimmung über erstaunlich offensive Rockgesten bis hin zum Sprechgesang!

Rill, der sich Mitte der letzten Dekade sehr oft in amerikanischen Recording Studios aufgehalten hat und gleich drei seiner Alben in Folge unter den dortigen hohen Standards produzieren ließ, ist mittlerweile in der Lage, diesen Sound, dieses Feeling, diese Professionalität auch hier bei uns mit deutschen Musikern umzusetzen. 'Wild Blue & True' war dafür Anfang 2011 bereits ein guter Beleg. Bei der Produktion von 'My Rocket Ship' ging er aber noch konsequenter zu Werke: Die Basisaufnahmen für die 14 Songs wurden ohne Netz und doppelten Boden in nur drei Tagen eingespielt, allein 6 Tracks hatte die Band bis dahin noch gar nicht gehört! Soviel zur Qualität der Troublemakers, die seit etwa zwei Jahren in dieser Besetzung zusammen spielen: Felix Leitner (alles mit Saiten: elektrische und akustische Gitarren, Slide, Dobro, Banjo, auch Akkordion), Jan Reinelt (Klavier, Orgel, Glockenspiel), Chris Reiss (elektrische Bassgitarre und Standbass), Aggi Berger (Schlagzeug und Backing Vocals). Zur Unterstützung, auch für ein paar gezielte Overdubs, kamen noch ein paar andere befreundete Topmusiker dazu: Heinz Rebellius, der die ohnehin schon sehr saitenstarken Arrangements mit delikaten Licks auf weiteren elektrischen und akustischen Gitarren anreichert, Martin Huch (Dobro, Lap Steel), George Bähr (Geige, Mandoline), Philipp Hagemann (Cello) und die Stimmen von Annika Fehling und Robert Oberbeck.

'My Rocket Ship' ist von vorne bis hinten eine einzige Achterbahnfahrt von geschickt gekoppelten Americana Rock'n Rollern, süffig elektrischen Midtempo-Balladen und bisweilen gar düster-nachdenklichen Slow Songs aus dem Alt./Indie Folk-Terrain. Der twangige, fiddlige Opener 'Free To Fly' kommt in Gestalt eines klassischen Train Songs daher und passt zur erstgenannten Kategorie, genau wie das berührende 'The Facts About My Life', bei dem der Protagonist die Rolle eines Behinderten einnimmt, der anhand einiger liebenswert-skurriler Details auf seine Kindheit zurückblickt. Der dynamische Folk Rock mit Western Flair überzeugt auch wegen des tollen Saitenteppichs aus akustischen, elektrischen, Baritone & Slide Gitarren plus Banjo und Harmonica über komplexem Drumming. Rootsrockende Nummern wie 'Edge Of Nothing', 'Never Come To Know' im typischen John Hiatt-Modus und der groovige Muscle Shoals-ähnliche Soul von 'When The Night Calls' (inkl. genretreuen Sha La Las von Annika Fehling) gehören zur Südstaaten-Fraktion - da atmen die elektrischen Gitarren den Geist von Eddie Hinton, klingt die Orgel nach Barry Beckett oder Chuck Leavell. Der gefährlich-stampfende Talking Blues von 'Way Down' nimmt hier mit seinem sumpfig-dräuenden Charakter eine Sonderstellung ein: Markus Rill begibt sich mit harscher Rasierklingenstimme, deftigem Dobroanschlag und röhrender Blues Harp voll auf die Spuren von Malcolm Holcombe, Ray Wylie Hubbard und Tom Waits. So etwas hat man von ihm noch nie gehört - versprochen!!

Das ist lange nicht alles. Der Titeltrack beinhaltet eine herrlich getragene, melodische Liebeserklärung an seine Gitarre, im rein akustischen 'God Believes In Me' reflektiert Rill erstmalig über Gott und Glauben, nicht ganz unpassend gefolgt von 'One Fix Or Another'. In dieser düsteren Folk Noir-Holperballade geht es um die wenigen Fixpunkte in einem Leben, bestimmt von Vertrauensbruch, falschen Versprechen, Einsamkeit und Sucht. Rill überzeugt am spukigen Banjo und hängt sich ganz dicht an die Fersen von Wovenhand, atmosphärisch dunkel unterstützt von Felix Leitner mit Akkordion und Electric Guitar.

Rill goes Pop auf 'For The Stars'! Diese übermelodische, supereingängige Folk/Guitar Pop-Nummer fließt im jangligen Westcoast Sound mit reichlich Jackson Browne-Feeling durch die Ohren - und ist eine Art "Erholung" vor der nächsten intensiven Langsamnummer, dem wehmütig-introspektiven 'In My Bones'. Rill singt unglaublich gefühlvoll und beweist nachdrücklich, wie enorm er sich als Sänger entwickelt hat. Die betörenden Harmony Vocals von Annika Fehling kommen als Sahnetupfer obendrauf, mindestens! Am Ende dieser außergewöhnlichen starken CD steht 'The Late Great TVZ' - ein Tribut an den unvergleichlichen Townes Van Zandt und der texanischste Beitrag auf 'My Rocket Ship', perfekt inszeniert mit Spoken Word-Strophen in bester Outlaw-Manier und gesungenem Refrain zur Akustischen, nur umgarnt von einer schwingenden Lap Steel. Am Thema TVZ mag sich mancher Kollege schnell verheben, aber Markus Rill genießt mittlerweile ein Standing, das ihn dafür geradezu prädestiniert.