Buddy & Julie Miller - Written In Chalk PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 05. März 2009

Blue Rose

Immer wenn Buddy Miller, der große Americana-Pate aus Nashville, eine Platte veröffentlicht, sind die Erwartungen sehr hoch gesteckt. Bei der Ankündigung eines gemeinsamen Buddy & Julie Miller-Albums allerdings kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr!

Nahezu 8 Jahre ist es her, dass eines der herausragenden Paare der amerikanischen Roots Music als Team zu hören war, und nun haben die Millers - beinahe nebenbei und zumindest am Anfang ungeplant - tatsächlich ihr zweites Werk auf den Weg gebracht: 'Written In Chalk' heißt das Prachtstück und es ist gar keine Frage, dass wir ganz früh in der Saison schon mal ein Jahres-Highlight des Genres genießen dürfen!!

Buddy Miller ist ein wahrer Gigant im aktuellen Americana Music-Geschehen, sein Name gilt als Garant für höchste Qualität, wer ihn als Sideman oder Produzent verpflichten kann, der hat schon halb gewonnen. Welches Album auch immer den so genannten "Buddy Miller Stamp Of Approval" auf seinem Cover trägt, das blickt sogleich ungeteiltem Kritikerinteresse und erheblich größeren Verkaufschancen entgegen. Geballte Aufmerksamkeit ist natürlich immer dann angesagt, wenn der Meister in eigener Sache zuschlägt, so zuletzt in 2004 mit seinem New West/Blue Rose-Debüt 'Universal United House Of Prayer', einem wahren Monster von Gospel/Roots/Americana-Werk, das ihm nicht nur eine Grammy Nomination einbrachte, sondern ein weiterer großer Mosaikstein war, um in der allerletzten Printausgabe des legendären No Depression-Magazins zum "Artist Of The Decade" gekürt zu werden! Während sich ND seither im Internet ungebrochener Beliebtheit erfreut, betrieb Buddy Miller seine in jeder Hinsicht schillernde Karriere wurzelnah weiter, spielte auf CDs von alten Helden wie P.F. Sloan, Solomon Burke, Chip Taylor, Levon Helm ebenso wie mit guten Freunden von Jim Lauderdale über Allison Moorer bis Emmylou Harris und Patty Griffin.

Im Frühjahr 2008 wollte er sein in Fragmenten begonnes neues Album eigentlich zügig fertigstellen, als ein richtig herausfordernder Job anstand. Er sollte die 'Raising Sand'-Tour von Alison Krauss & Robert Plant spielen und musste dafür nicht nur einen Haufen traditionelles Songgut sichten, sondern auch seine Technik an der Pedal Steel Guitar auffrischen. Kurzum: Aus dieser Zeitnot heraus beschloss er, seine Studioarbeit lieber auf Eis zu legen statt vorschnell abzuschließen. Eine weise Entscheidung, denn erstens ist so Mel Tillis' Swamp/Country/Blues-Nummer 'What You Gonna Do Leroy', ein während der Tour nach einem Soundcheck aufgenommenes Duett mit Robert Plant, als Track #4 auf die CD gelangt und zweitens blieb genug Zeit für Julie Miller, sich gesundheitlich und spirituell zu sammeln, um nach langen Jahren der Zurückgezogenheit und Wirken hinter den Kulissen endlich mal wieder ganz vorne mitzumischen.

Die Singer/Songwriterin Julie Miller, um einiges jünger als der bald 56-jährige Buddy, begann ihre professionelle Laufbahn 1990 mit einer Serie von christlich geprägten Alben auf dem Spartenlabel Myrrh. Da war sie schon längst verheiratet mit dem Mann, der ihr bereits als Produzent, Co-Writer und Musiker zur Seite stand, bevor er ab 1995 selber seine erstaunlich späte Solokarriere startete. Eine umfassendere Popularität erlangte sie mit den beiden "weltlichen" Hightone-Scheiben 'Blue Pony' (97) und 'Broken Things' (99), ehe endlich das bereits erwähnte Duowerk 'Buddy & Julie Miller' im Sommer 2001 auf dem Roots-Markt einschlug wie eine Bombe. Es sollte ihr vorerst letzter großer Auftritt werden, denn in der Folgezeit wurde bei ihr die chronische Schmerzerkrankung Fibromyalgie diagnostiziert, die muskuläre Probleme, Schlafstörungen und Erschöpfungszustände nach sich zieht. Trotz weiterer persönlicher Nackenschläge, die im Blitzschlagtod ihres Bruders gipfelten, fand sie immer wieder Hoffnung im Komponieren neuer Songs und gelegentlichen Gesangsbeiträgen auf den Projekten ihres Mannes innerhalb der Nashville Community.

Unter diesen Vorzeichen ist 'Written In Chalk' eine erstaunlich gleichberechtigte Produktion geworden, bei der die Rollen klar verteilt sind: Hier Buddy Miller als technisch herausragender, stets um Innovation bemühter Gitarrist und als charakterstarker, emotional engagierter Sänger, dort Julie Miller als vornehmliche Songautorin, die nicht weniger als 9 brandneue Stücke (inklusive nur einer Co-Arbeit mit Buddy) anbietet, dazu mit ihrer prägnanten, über die Jahre fester und dunkler klingenden Stimme singt. Ja, es tut gut, diese einzigartige Stimme endlich wieder zu hören - 4 Mal sogar in vorderster Reihe, auf anderen Stücken als mal sensible, mal aufregende Harmonie/Duettvokalistin par excellence! So zum Beispiel gleich auf den beiden ersten Titeln. 'Ellis County' ist ein herzzerreissender Tribut an Julie's Mutter mit dominanter Fiddle von Larry Campbell; das sehr eingängige 'Gasoline And Matches' besticht mit einem deftigen Electric Guitar Riff über einem 60er Beat und an Sonny & Cher erinnernden Gesang. 'Don't Say Goodbye' ist eine traurige Ballade, die den Tod des Bruders andeutet. Julie singt hier geradezu atemberaubend im Einklang mit der zweiten Stimme von Patty Griffin über dem Klavier von John Deaderick und Buddy's behutsam angeschlagenen akustischen und elektrischen Gitarren. 'What You Gonna Do Leroy' ist besagter Backstage-Track mit Gurf Morlix (Lap Steel), Stuart Duncan (Fiddle), Dennis Crouch (Bass), Jay Bellerose (Drums) und jener englischen Rocklegende, die scheinbar ein aufmerksames Americana-Publikum den größten Stadien dieser Welt vorzieht. 'Long Time' ist eine unerhört lässig-klagende Crooner-Ballade präsentiert von Julie, leicht jazzig mit Piano (Matt Rollings), Trompete, Besen (Brady Blade) und akustischer Gitarre umgarnt, bevor es mit Dee Ervin's 'One Part, Two Part' zu einem heimlichen Countryklassiker geht, bei dem Buddy Miller seine gesammelten Gesangstalente ausspielen kann - im gospeligen Einklang mit den von 'Universal United House Of Prayer' bekannten Schwestern Regina & Ann McCrary sowie Russ Pahl an der herrlich gleißenden Pedal Steel.

Genau in der Mitte steht 'Chalk', sicher der genialste Julie Miller-Song seit langem (vielleicht gar seit 'All My Tears'?!), komplett mit Buddy's allerbesten Lead Vocals und Harmonien von Patty Griffin später dazu im Refrain - Gänsehaut total! 'Everytime We Say Goodbye' ist dann ganz und gar Julie: Sie singt hier mit sich selbst als Gegenstimme, lediglich begleitet von John Deaderick's Klavier, Buddy's Gitarre und etwas Tambourine. Das sentimentale 'Hush, Sorrow', im behutsamen Arrangement mit Klavier, Gitarre, Mandoline (Larry Campbell), Steel und Harmony Vocals von Regina McCrary, und 'Memphis Jane', ein urgewaltiger, sich stetig entwickelnder Roots Rocker mit knochentrockener Twang Guitar, darübergelegter messerscharfer Electric Lead, zwingender Rhythm Section (gespielt von der Miller Touring Band - Chris Donohue/Bryan Owings) und funkelndem Duettgesang könnten kaum unterschiedlicher wirken. Beide Julie-Songs loten das ungeheure Miller-Spektrum an seinen Extremen aus, zeigen wozu die beiden in ihren stärksten Momenten fähig sind!

Und 'Written In Chalk' lässt auch am Ende keinen Deut nach: 'June' ist ein weiteres Trauerlied von Julie, spontan geschrieben und gemeinsam aufgenommen vom Paar allein zuhause am Abend des 15.05.03, nur kurz nachdem June Carter verstarb und der Himmel weinte - ein intimes, tief anrührendes Stück Musik, wie man es in vielen Jahren kein weiteres Mal hören wird... Zum würdigen Abschluss erleben wir noch ein Special Guest-Highlight: Emmylou Harris höchstpersönlich besingt mit Buddy Miller 'The Selfishness Of Man' von Leon 'Lost Highway' Payne - unverfälschter, authentischer Country-Hochgenuss. 'Written In Chalk' bietet ein Maximum an Qualität, mehr geht nicht!

 

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