Delbert McClinton & Dick 50 - Acquired Taste PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 05. August 2009

Blue Rose

Hoch in den 60ern gelingt dem alten Haudegen Delbert McClinton nochmals - wie schon so oft zuvor - eine interessante Karrierewendung mit seinem ersten neuen Studioalbum nach vier Jahren, 'Acquired Taste'. Es war zuletzt etwas ruhig geworden um den weißen Roots'n Blues'n Americana Shouter, der es sich im neuen Millennium mit einer Serie von kommerziell erfolgreichen und hoch dekorierten Veröffentlichungen auf New West/Blue Rose vielleicht ein wenig zu gemütlich einrichtete. Am Ende war die Inspiration abhanden gekommen und es bedurfte immerhin den Luxusproduzenten Don Was, um McClinton den nötigen Kick für ein solch außergewöhnlich starkes Werk wie 'Acquired Taste' zu vermitteln.

Es ist ja nicht das erste Zusammentreffen von Was und McClinton! Nachdem der bereits 1991 indirekt für McClintons Grammy-Debüt mitverantwortlich war, es gab die begehrte Auszeichnung für 'Good Man Good Woman', ein Duett mit Bonnie Raitt, in der Kategorie "Best Rock Performance by a Duo or Group", produzierte er ein Jahr später 'Never Been Rocked Enough'. Für viele Fachleute gehört dieses Album zu den absoluten Highlights in McClintons umfangreicher Diskographie, die bis heute etwa 20 Platten beinhaltet, zahlreiche Kopplungen und Best Of-Sammlungen seiner verschiedenen Labels gar nicht mitgezählt.

Eine erste frühe Erwähnung findet McClinton bereits 1962 als Harmonikaspieler auf Bruce Channels Hit 'Hey Baby'. Es geht die Sage, dass er mit seinem Solo den jungen John Lennon massiv beeinflusst habe. Immer schon mehr der Blues-Seite amerikanischer Roots Music zugewandt spielte er in seiner texanischen Heimat zwischen Lubbock und Fort Worth mit Sonny Boy Williamson, Jimmy Reed und lokalen Acts wie den Ron-Dels, Straightjackets und Bobby Crown & The Kapers. Anfang der 70er zog es ihn mit seinem langjährigen musikalischen Partner Glen Clark nach Los Angeles (Delbert & Glen), bevor er fortan - zurück in Houston - LPs am Fließband für ABC, Capricorn, Capitol, Alligator, Curb, Mercury und MCA aufnahm. Schon in diesen Dekaden besaß er für Kritiker und Musikerkollegen absoluten Kultstatus. Weit vor heute gängigen Genrebezeichnungen wie "Americana" oder "Roots Rock" ließ er auf seinen Platten Blues und Country, Rock'n Roll und Texas Roadhouse, blue-eyed Soul Pop und R&B-Balladen auf betont lässig wirkende Art und Weise verschmelzen, verbunden durch seine Bands mit durchweg erstklassigen Musikern und getragen von seiner originellen und leicht wiederzuerkennenden Shouter-Stimme!

McClintons in jeder Weise (Musik, Erfolg, Label, Band) konstanteste Schaffensphase beginnt 2001 mit der New West/Blue Rose-Ära, die bis heute anhält. Das 2001er Labeldebüt 'Nothing Personal' erhält einen Grammy als "Best Contemporary Blues Album", ebenso wie in 2005 'Cost Of Living' in der Sparte "Best Contemporary Blues Recording". Dazwischen halten 'Room To Breathe' (2002) und das Doppel-Werk 'Live' (2003) Niveau und Erfolg hoch, wenngleich künstlerische Überraschungen, Produktionsveränderungen oder gar eine musikalische Wendung ausbleiben. Aber Delbert McClinton ist über die Jahrzehnte unantastbar geworden, er gehört zu den so genannten "national treasures", denen in den Staaten auf ewig die Treue gehalten wird, egal was passiert.

Es war New West-Labelboss Cameron Strang höchstpersönlich, der den erneuten Kontakt zwischen Don Was und Delbert McClinton initiierte. Was hatte 2006 mit der Produktion von This Old Road des New West-Kollegen Kris Kristofferson mal wieder ganze Arbeit geleistet und für Bob Dylan, Brian Wilson, die Rolling Stones, Waylon Jennings, Paul Westerberg, Randy Newman, Willie Nelson, Black Crowes, Bonnie Raitt mehrfach nachgewiesen, dass er mit einem tiefen Respekt vor dem Lebenswerk alter Heroen, aber auch mit einer gewissen Unbekümmertheit dichter an die Künstler herankommt als manch anderer und sie deshalb zu ungeahnten Höchstleistungen anspornen kann. Was im Fall von Delbert McClinton bedeutet: Die Inspiration ist wieder da, die Texte sind roher, der Sound direkter und die Stimme bluesig-authentischer, die Balladen kommen süffiger, die Gesamtatmosphäre wirkt verschwitzter als zuvor. Kurzum: Herz & Seele & Sex sind in Delbert McClinton's Musik zurückgekehrt!

Dick 50 ist nur der neue Name für McClintons alte Begleitband: Kevin McKendree an den Tasten und vereinzelt als zusätzlicher Gitarrist, Leadgitarrist Rob McNelley (Allison Moorer, Scott Miller) sowie die Rhythm Section Steve Mackey (Bass) und Lynn Williams (Drums), die schon mit Lee Roy Parnell, Danny Flowers, Flaco Jimenez u.v.a. gespielt hat. McClinton selber spielt akustische Gitarre und bläst auch das ein oder andere Mal die Blues Harp - grandios. Gäste auf ausgesuchten Tracks sind z.B. The Waters (Vocal Chorus), Tom Hambridge (Drums), Scott Taylor (Sax) und - last not least - der große Freund aus Delbert & Glen-Zeiten, Gitarrist Stephen Bruton, der kürzlich seinem Krebsleiden erlag. Seine Electric Slide auf 'Can't Nobody Say I Didn't Try' lässt noch ein Mal die Nackenhaare aufrichten! Alle 14 Tracks stammen ganz oder zum Teil aus der Feder des Meisters, Co-Writer sind u.a. Gary Nicholson, Guy Clark, Anson Funderburgh, Al Anderson und einige Bandmitglieder.

Als Bonus gibt es eine Live-DVD mit sechs Stücken eines Austin City Limits-Mitschnitts vom 29. Oktober 1992. Delbert McClinton mit Big Band-Besetzung inklusive Bläsersection und... Stephen Bruton an der elektrischen Gitarre. Ein feines Andenken!

 

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