Susan Cowsill - Lighthouse PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 05. Mai 2010

Blue Rose

Was für eine Stimme, was für eine Sängerin?!! Die famose Susan Cowsill hat sich rar gemacht in den letzten Jahren, aber die Zeit gut genutzt zur Verarbeitung des Katrina Desasters und zum Songschreiben; ja, auch darüber. Susan Cowsill lebt seit vielen Jahren in New Orleans und hat die Katastrophe praktisch hautnah miterlebt. Kein Wunder also, dass sie sich mit den Opfern leicht identifizieren kann und ein Großteil der Songs auf ihrer neuen CD unmittelbar oder indirekt davon handelt. 'Lighthouse' ist erst ihr zweites Soloalbum nach dem ebenfalls auf Blue Rose erschienenen Debüt 'Just Believe It' von 2004, aber es ist so kraftvoll und stark geworden - musikalisch, inhaltlich und poetisch -, dass man ohne zu Übertreiben von einem wirklich schwergewichtigen Americana Statement für 2010 sprechen kann!

Susan Cowsill ist eine Musikerin mit langer Vergangenheit. So gehörte sie bereits als Kinderstar mit 8 Jahren zu den Cowsills, einer Familienband (mit 5 Brüdern und der Mutter), die in den 60ern etliche Hits verbuchen konnte, z.B. 'The Rain, The Park And Other Things' und eine Version von 'Hair'. Allerdings sollte es bis zum Beginn der 90er Jahre dauern, bis sie musikalisch auf eigenen Beinen stand und ihre Karriere selbstbewusster plante. Das erste Mal ließ sie ernsthaft aufhorchen mit einer Version von Sandy Dennys 'At The End Of The Day', nachzuhören auf dem fabelhaften Sampler 'True Voices' von 1990. Eines war danach klar: Von dieser Stimme würde man definitiv bald noch mehr hören...

Was auf zwei Ebenen geschah. Zum einen wurde sie durch die Partnerschaft mit Peter Holsapple (Ex-dB's) festes Mitglied der legendären Continental Drifters. Andererseits gründete sie mit ihrer Freundin Vicki Peterson (Bangles) die geheimnisvollen Psycho Sisters, ein stimmgewaltiges Frauen/Harmony Vocals-Duo, das es zwar nie bis zu einer eigenen Veröffentlichung schaffte, sich dafür auf zahlreichen Alben anderer verewigte: Steve Wynn, Chris Cacavas, Giant Sand, Jolene, Kennedys, Jules Shear u.v.m. Anfang der 90er zogen die Drifters, nunmehr mit dem vokalen Aushängeschild Cowsill/Peterson/Holsapple, von Los Angeles nach New Orleans und traten einen, wenn auch nicht gerade kommerziellen, so doch in jedem Fall künstlerischen Siegeszug besonders in Europa an. Zwischen 1995 und 2001 veröffentlichte Blue Rose 5 Drifters-Scheiben - sie waren gespickt mit überragenden Gesangsbeiträgen von Susan Cowsill und mit vielen ihrer Songs, die nicht selten zu den Highlights zählten: 'Desperate Love', 'Spring Day In Ohio', 'The Way Of The World', 'Cousin', 'Snow', 'Someday'...

Die Probleme der Continental Drifters, die letztlich zur Auflösung der Supergroup führten, waren vor allem zwischenmenschlicher Natur, als sich Cowsill und Holsapple trennten und sie mit dem Drifters-Drummer Russ Broussard eine Beziehung einging, die bis auf den heutigen Bestand hat und auch künstlerisch auf fruchtbaren Boden fiel. So bilden die beiden ein perfektes Songwriter-Team, das bereits große Teile von 'Just Believe It' zusammen komponierte. Zwar stand mit der fantastischen Interpretation von (erneut!) Sandy Dennys Klassiker 'Who Knows Where The Time Goes' eine Covernummer im Mittelpunkt, aber der Rest waren ausschließlich Stücke aus der Feder von Cowsill bzw. Cowsill/Broussard: der endgültige Beweis, dass die sympathische Frau aus New Orleans nicht nur gesanglich zu begeistern weiß, sondern auch als Songwriterin die Topplätze der Americana-Liga erreicht hat.

'Lighthouse' knüpft stilistisch genau da an, wo 'Just Believe It' vor über 5 Jahren aufhörte: Schwerpunktmäßig stehen warme, gefühlvolle Balladen im harmonischen Einklang mit mitteltemperierten Folk Rock-Nummern und wenigen, schnelleren Roots Pop-Tracks mit klassischem Louisiana-Flair. Ähnlich wie damals schon bei den Continental Drifters hören wir eine ausgezeichnete Balance von akustischen und elektrischen Instrumenten inmitten eines mit vielen Gitarren, Klavier, Orgel, Bass und Drums reichhaltig arrangierten Bandsounds. Neben lokalen Spitzenmusikern wie Aaron Stroup & Tad Armstrong (von der Band Middletown), Gitarrist Alex McMurray (von der Avantgarde/Roots-Combo Royal Fingerbowl) und natürlich Russ Broussard am Schlagzeug erleben wir ein paar Promis mit Extrabeiträgen. So spielt der berühmte kalifornische Sessiongitarrist Waddy Wachtel seine markante elektrische Gitarre auf dem persönlich berührenden 'River Of Love'. Es stammt von Barry Cowsill, der in den Katrina-Fluten unter besonders tragischen Umständen ums Leben kam. Diesen Song zu singen und ins Zentrum von 'Lighthouse' zu stellen, war für Susan Cowsill eine ganz besondere Herausforderung aber auch eine Art Bewältigung und Trost zugleich. Ihre anderen Brüder Bob, Paul & John sowie Vicki Peterson Cowsill, die ja seit einigen Jahren auch Schwägerin ist, singen hier die Harmoniestimmen. Denkwürdig!

Auf einer anderen persönlichen Nummer, 'Avenue Of The Indians', singt kein Geringerer als Jackson Browne im Duett. Es geht hier um einen ihrer vielen Wohnorte, den letzten (Indian Avenue in Middletown, Rhode Island), bevor die Cowsills zur Berühmtheit gelangten und ihre Privatsphäre verloren. Browne gilt als absoluter Fan von Cowsill, mit seiner Hilfe (und seinem Geld!) wurde alles getan, um den in New Orleans aufgenommen Tracks an der Westküste den letzten Schliff, den bestmöglichen Klang mit auf den Weg zu geben: Browne's Haustonmeister Bil Lane stand für den finalen Mix bereit, für das Mastering konnte man Gavin Lurssen gewinnen, der für alle T-Bone Burnett-Projekte der letzten Jahre verantwortlich war und für Bob Dylans 'Together Through Life', für etliche Tom Petty-Alben... - eine teure, aber lohnende Sache!

'Lighthouse' ist so reich an Bildern, Geschichten und Klängen, dass man über jeden einzelnen Song ganze Kapitel erzählen könnte. Der Titeltrack ist eine karg, nur mit Klavier und Cello arrangierte Ballade über den Leuchtturm als Sinnbild für Heimkehr, Hoffnung und Bodenhaftung. Jimmy Webbs 'Galveston', bekannter in der Hitversion von Glen Campbell, kommt in einer intimen Folkversion nur mit akustischen Gitarren. In 'ONOLA' verarbeitet Cowsill all ihre Zweifel während der Flut, in dieser Stadt weiterleben zu können, die Stärke für einen Neuanfang aufzubringen: "oh New Orleans, I'm growing weaker everyday, I no longer have the strength to stay." Und: "and when I come back, I'll find it's just a dream, a real bad dream, a terrible dream."

Aber Cowsill findet immer eine Lösung zum Guten, einen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit, Grund zum Optimismus. So beschließt sie dieses enorme Album mit dem 7:37-langen Epos 'Crescent City Sneaux', das nicht nur den kürzlich erstmalig errungenen, damit historischen Super Bowl-Erfolg der New Orleans Saints erwähnt, sondern am Ende in eine furiose Jam Session mit Zitaten aus 'Iko Iko' und 'When The Saints Go Marching In' mündet. Bewegend, aufwühlend, hoch emotional - New Orleans lebt!

 

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