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'Dirty Jeans And Mudslide Hymns' heißt das neue Album des großen John Hiatt. Und so bildhaft wie allein schon dieser Titel klingt, so bezeichnend ist auch die Covergestaltung: der Maestro fest und unverwüstlich im Zentrum, sein kantiger Charakterkopf zur Seite blickend mit Fernweh in den Augen, ein verwittertes altes Holzhaus im Hintergrund als Metapher für Bodennähe, Ernsthaftigkeit, Tradition, Unerschütterlichkeit. Die Fenster sind vernagelt, es bleibt dem Betrachter vorbehalten, welche Interpretation er favorisiert - ist der Held zurückgekommen, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten oder hat er soeben mit derselben abgeschlossen, um zu neuen Ufern aufzubrechen? Hat er hier seine große Liebe verloren oder wird er sie woanders finden, wenn er in die nächste Stadt weiterzieht? Stillstand und Bewegung, das sind die Pole zwischen denen sich seit Urzeiten die beste Americana Poetry abspielt. Es ist das Feld, das von all den namhaften Singer/Songwritern bestellt wird, und John Hiatt ist seit nunmehr 38 Jahren einer ihrer besten und erfolgreichsten, ein wahrer Meister im Erzählen von Geschichten und kleinen Short Movies in Liedern von drei bis fünf Minuten!
Jeder, der halbwegs an amerikanischer Rock, Country, Blues und Roots Music interessiert ist, dürfte zwangsläufig mit John Hiatt vertraut sein. Selbst wer keine einzige seiner Platten im Regal stehen hat, wird ihn über den Umweg des Songschreibers oder Produzenten kennen. Bonnie Rait, Jeff Healey Band, Eric Clapton & B.B.King, George Thorogood, Rodney Crowell, Gregg Allman, Steve Earle, Kelly Willis, Linda Ronstadt, The Band, Delbert McClinton, Willy DeVille, David Crosby, Emmylou Harris, Willie Nelson, Ry Cooder, Nitty Gritty Dirt Band, Neville Brothers... - nur eine Auswahlliste der Stars, auf deren Alben irgendwo im Kleingedruckten sein Name steht! Gerade erst in diesem Jahr ist er als Gast auf den neuen Alben von Joe Bonamassa, Levon Helm und David Bromberg vertreten. Regelmäßig und verlässlich bringt er zudem seit 1974 eigene Veröffentlichungen heraus, die oft von Veränderungen (Labels, Produzenten, Begleitbands, stilistische Ausrichtungen) gekennzeichnet sind. So hat sich Hiatt in all der Zeit ein enormes Spektrum von Nashville Country bis New Wave, von Rock bis Acoustic Folk, von Singer/Songwriter bis Delta Blues aufgebaut, in dem lediglich die beiden Koordinaten "unverwechselbare Stimme" und "grandiose Songqualität" unverrückbar festgeschrieben scheinen. 'Dirty Jeans And Mudslide Hymns' ist sein insgesamt 21. Werk, gleichzeitig sein viertes in Folge für New West/Blue Rose und der Nachfolger zu 'The Open Road', das im Vorjahr von der Kritik begeistert aufgenommen wurde.
Musikalisch knüpft John Hiatt genau da wieder an und befährt weiter unbeirrt und mit ungebrochener Leidenschaft seinen ganz persönlichen Americana Highway. Und das mit denselben Musikern, sie bilden seit längerem auch seine aktuelle Live-Truppe: Doug Lancio heißt der Mann für die besonderen Momente an den Saiten - von der elektrischen Lead Guitar bis zur Mandoline. Er ist schon länger im Geschäft als Nashville Studiomusiker, hat bereits mit Patty Griffin, Nanci Griffith, Tommy Womack, Will Kimbrough, Todd Snider, Steve Earle, Kim Richey und Allison Moorer gespielt. Bassist Patrick O'Hearn und Drummer Kenneth Blevins bilden seit etlichen Jahren eine bewährte Rhythm Section, was dem ausgeprägten Live-im-Studio-Charakter auf 'Dirty Jeans...' nur zuträglich ist!
Für diesen besonderen Sound ist allerdings in erster Linie der berühmte Kevin Shirley verantwortlich. Er ist eigentlich ein Mann für die härtere Fraktion, hat in den vergangenen Jahren die Black Crowes, Joe Bonamassa, Aerosmith, Iron Maiden und Joe Satriani produziert, und das ist nur eine kleine Auswahl. Shirley steht auch für eine Rückkehr zu analogen Aufnahmeformen mit Bandmaschinen wie in den alten Zeiten, die dann später in den digitalen Prozess überführt und eingebunden werden. So klingen die in Nashville aufgenommenen Recordings wesentlich dynamischer und vitaler. Hiatt selber ist so dermaßen begeistert von der warmen, analogen Atmosphäre seiner neuen Scheibe wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Kennengelernt hatten die beiden sich anlässlich Shirley's Arbeit an 'Dust Bowl', dem aktuellen Album von Guitar Slinger/Blues Hero Joe Bonamassa. John Hiatt war dort als Gast auf seinem eigenen Stück 'Tennessee Plates' dabei.
Mit einem edlen Midtempo-Rocker frei nach 'Perfectly Good Guitar' geht's los. 'Damn This Town' heißt das gute Stück, das man sinnvollerweise auch als so genannten Lead Track auf diverse Portale gestellt hat. Und einen gelungeneren Start kann man sich als Fan gar nicht wünschen! Im weiteren Verlauf gibt es noch weitere Beispiele für die rockige Seite von 'Dirty Jeans...': 'I Love That Girl' als muntere Uptempo-Nummer, die so auch im Programm von Bruce Springsteen und der E-Street Band vorkommen könnte. Oder 'Detroit Made', ein knackiger Rocker mit toller Lead Guitar und heftigem Rockabilly Beat à la 'Tennessee Plates'. Oder der Roadhouse Shuffle 'Train To Birmingham', der mittelschnell rockt und mit feiner Slide Guitar geschmückt wird. Als Gegenpol nehmen die typischen Hiatt-Powerballaden mit epischen Ausmaßen einen breiten Raum ein: 'Til I Get My Lovin' Back' ist so eine gewundene, sämige Nummer mit heftiger Untermalung von Steel Guitar, etwas Klavier und einer deutlichen Verbeugung vor Classic Country! 'Don't Wanna Leave You Now' ist ein weiteres Beispiel - seelenvollst gesungen und etwas dramatisch mit Streichern unterlegt erinnert es sogar an Hiatt's legendäres 'Have A Little Faith In Me'.
Darüberhinaus befinden sich unter den 11 neuen Titeln mit 'All The Way Under' eine lockere Roots-Nummer im Walzertakt mit Bottleneck Slide und Akkordion, sowie mit 'When New York Had Her Heart Broke' einer von gleich mehreren längeren Songs, der sich richtig Anlaufzeit nimmt, ein Instrument nach dem anderen hinzufügt, um in einen fast geheimnisvollen Acoustic Wall of Sound zu münden. 'Hold On For Your Love' ist ein weiterer fantastischer Hiatt-Slow Song, der sachte mit Acoustic Strumming, Mandoline und Orgel aufgebaut wird, dann mit Bass, Drums und prickelnder E-Gitarre in die nächste Phase einsteigt, bevor sich ein obercooles Solo mit dem späten Refrain abwechselt. Hiatt's Vocals sind - nicht nur hier! - ganz auf Gänsehautalarm programmiert, besser wird er in seinem Leben nicht mehr singen! Wichtig ist auch der Song, in dem der Albumtitel in einer Textzeile versteckt wurde: 'Adios To California' ist herrlicher Folk & Country Rock mit auf- und abschwellender Pedal Steel, knackiger Baritongitarre und ganz viel Fernweh in der Stimme. Ja, ganz klar: Das ist genau das Stück, das zum Cover gehört. Oder umgekehrt?!
'Dirty Jeans And Mudslide Hymns' erscheint auch als Special Deluxe Edition mit einer Bonus-DVD. Darauf ist ein über 20-minütiges Programm zu sehen mit Making Of-Features und einem Interview mit John Hiatt. Außerdem gibt's das komplette Album zusätzlich im 24/96 High Resolution Audio Mix.

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